Der Landgeschwindigkeitsrekord aus britischer Sicht

Nick Smith erfährt, wie sich Triumph – mit Guy Martin am Lenker und dem Belstaff Team hinter den Kulissen – aufmachte, den begehrten Rekord zu brechen.

Letzte Woche machte sich Triumph Motorcycles daran, den Landgeschwindigkeitsrekord auf dem Motorrad zu brechen. Ein erfolgreicher Versuch hätte bedeutet, dass der Titel erstmals seit 40 Jahren wieder nach Großbritannien gewandert wäre.

Der Kult-Motorradhersteller wagte sein Glück in der Großen Salzwüste im US-Bundesstaat Utah, mit dem Ziel, unbestrittener Rekordhalter zu werden. Führender Kopf der Aktion war die britische Motorradrennsportlegende Guy Martin; er sollte den bisherigen Rekord von 605,698 km/h null und nichtig machen. Im Juli begann die heiße letzte Vorbereitungsphase. Der tatsächliche Rekordversuch sollte vergangene Woche stattfinden.

Martin war es zuvor bereits gelungen, bei Höchstgeschwindigkeiten von 441,3 km/h den bis dahin amtierenden Triumph-Rekord von 395,363 km/h zu brechen. Das Team war trotz der großen Herausforderung also entsprechend zuversichtlich.

The Triumph Infor Rocket Streamliner
The Triumph Infor Rocket Streamliner

Für den Rekordversuch sollte die atemberaubende neue Triumph Rocket Streamliner zum Einsatz kommen. Die Sponsoren waren Belstaff und der Cloud Computing Provider Infor. „Wir haben eine unglaubliche Maschine zur Verfügung“, so der britische Champion über die Streamliner.

„Unglaublich“ trifft dabei den Nagel auf den Kopf. Unter dem Kevlar-Monocoque verbergen sich zwei Triumph Rocket III-Motoren, die gemeinsam auf rund 1014 PS bei 9.000 Umdrehungen pro Minute kommen. Kurz gesagt: Die Maschine ist schnell. Unglaublich schnell. Sie wird mit Methanol angetrieben und tritt in der Kategorie C für windschnittige (engl. „streamlined“) Motorräder an.

In Sachen schnellste Motorräder der Welt kann Triumph auf einen ausgezeichneten Lebenslauf verweisen. Von 1955 bis 1970 hatte der britische Motorradhersteller den Rekordhaltertitel gepachtet und musste dabei nur eine kurze Unterbrechung von 33 Tagen verbuchen. Diese Vorreiterstellung war einer Gruppe an texanischen „Hot Rodders“ zu verdanken, die es sich zum Ziel gesetzt hatten, die Leistung des britischen Herstellers gegenüber der deutschen Konkurrenz zu beweisen. Der Legende nach begann die Zusammenarbeit 1954 in Pete Dalios Triumph-Geschäft im texanischen Dallas. Mechaniker Jack Wilson erinnert sich noch daran, wie er, zusammen mit Dalio und Stormy Mangham, einem Ingenieur und Piloten, eines nachmittags Wilhelm Herz' neuen Rekord von 290,322 km/h besprachen.

Guy Martin
Guy Martin

Keiner der Beteiligten konnte damals jedoch ahnen, dass diese Unterhaltung etwas in Bewegung setzen würde, das Motorradgeschichte schreiben sollte. Im Goldenen Zeitalter von Triumph zählten die Devil's Arrow, die Texas Cee-gar, die Dudek Streamliner und die Gyronaut X-1 zu rekordbrechenden Streamlinern. Triumphs Vormachtstellung sollte jedoch nicht ewig währen: Seit den frühen 1970er-Jahren wurde der Landgeschwindigkeitsrekord weitere zehn Mal auf den Bonneville Salt Flats gebrochen, und zwar von Maschinen der Konkurrenz, darunter Yamaha und Harley-Davidson.

The Streamliner Jacket
The Streamliner Jacket

Die Streamliner 400, eine Schutzjacke aus der Pure Motorcycle Kollektion in limitierter Auflage und ein Traumstück für Sammler, wurde von Belstaff entworfen, um dem Versuch, den Landgeschwindigkeitsrekord auf zwei Rädern zu brechen, Tribut zu zollen. Sie macht der Rocket, der Zahl der km/h, die es zu brechen gilt, und der limitierten Auflage dieser Jacken alle Ehre.

Leider war das Wetter anderer Meinung. Die vorherrschenden Bedingungen schafften ein gefährliches Umfeld für Martin und die Streamliner. Für den Probelauf waren bereits Spitzen von 482 km/h vorgesehen, eine Voraussetzung dafür, dass der Rekordversuch fortgesetzt werden könnte. Doch an diesem Punkt geriet die Streamliner auf dem feuchten Salzuntergrund ins Rutschen und Fahrer und Maschine stürzten zu Boden. Für den Rekordversuch war das ein herber Schlag. Glücklicherweise blieb Martin unverletzt ... und hartnäckig. Das 1.013 PS schwere Motorrad hingegen muss nun im Detail inspiziert werden, bevor ein erneuter Termin veranschlagt werden kann.

„Ich war wirklich bestürzt, von den Schwierigkeiten mit der Triumph Infor Rocket Streamliner und dem herben Schlag für das Team zu hören”, so Richard Noble (ausgezeichnet mit dem Most Excellent Order of the British Empire) über das Ereignis. Noble und sein Team verzeichneten sowohl 1983 als auch 1997 den Landgeschwindigkeitsrekord, wenn auch auf vier Rädern. „Diese Vorhaben sind unglaublich schwierig auszuführen und nehmen weit mehr Zeit in Anspruch als ursprünglich geplant. 1983 beispielsweise mussten wir dreimal in die Staaten reisen, bevor uns der Weltrekord gelang. Gleiches galt für Mach1 im Jahr 1997.”

„Ich werde nie vergessen, was Landgeschwindigkeitsrekordbrecher Gary Gabelich 1982 zu mir sagte: ‚Du musst einfach wieder aufstehen, aus den Fehlern lernen und nächstes Jahr stärker zurückkommen – und es schaffen.‛Ich drücke dem britischen Team für 2017 fest die Daumen ... auf die 644 km/h!”

Der Sieg war dem Team diesmal vielleicht nicht vergönnt, aber davon lässt sich niemand abschrecken. Sicherlich werden sie zurück nach Bonneville kommen, um den Sieg ein für alle Mal einzufahren. “We have a job to do. [„Wir haben einen Job zu erledigen.] It will come, it will come” [Und werden es schaffen, ganz sicher”], sagt Martin über den Rekord und hat, wie man sieht, wenig von seinem Abenteuergeist verloren.

Nick Smith ist Chef-Redakteur beim Magazin Engineering & Technology und Fellow der Royal Geographical Society

The Gallery

Kampagne Ansehen

Share