Hartes Zeug: Strickware für Rebellen

In den Fünfziger- und Sechzigerjahre wurde der Kleidungsstil völlig umgekrempelt. Angesagt waren Schlabberpullis, Rollis, grob gestrickte Fischerpullover und die schlichten, blaugestreifen Bretonenshirts mit Ursprung in Frankreich. Werfen Sie einfach einen Blick auf James Dean in …Rebels Without a Cause (Denn sie wissen nicht, was sie tun) oder auf Elvis Presley, der in Jailhouse Rock in Streifen posiert, um einen Eindruck zu bekommen.

Marlon Brando, einer von Presleys Kollegen, war für seinen Auftritt in Lederkleidung in The Wild One (Der Wilde) und für die pure Verkörperung grüblerischer Männlichkeit in A Streetcar Named Desire (Endstation Sehnsucht) genauso bekannt, wie für seine Muskeln, die sich durch sein T-Shirt abzeichneten. Doch wenn er nicht die rebellische Jugend im Namen Hollywoods verkörperte, trug auch er Pullover. Man nehme sein Bild, auf dem er sich auf einem Sofa in einem melierten Rundhals-Pulli neben seinem Hund zurücklehnt. Dann ist da noch das Werk von Sid Avery. Er war berühmt dafür, die privaten Momente der Hollywood-Stars mit der Kamera einzufangen. Dieses Foto aus dem Jahre 1953 zeigt Brando in einem Wollpullover mit Bongotrommeln.

Hört sich gemütlich an? Wohl kaum. Damals wurde Strickware als Sinnbild für Rebellion angesehen. Als es in den Fünfzigerjahren richtig los ging, war Strickware bei den jungen Leuten angesagt, die sich von den Hemden, Krawatten, Anzügen und auch den Kleidern ihrer Eltern abwandten. Strickware stand für einen lässigen Look, befreite die Tragenden von Förmlichkeit. Dazu gehörten auch Jeans, T-Shirts und Lederjacken.

Jack Kerouac und Allen Ginsberg, auf die durch Lewis MacAdams in seinem Buch Birth Of Cool: Beat, Bebop und die amerikanische Avant-Garde verwiesen wird, waren alle Teil der Beat-Generation. Bevor der Freizeitlook cool wurde, galten Herren ohne Hemden und Krawatten als schlampig und inakzeptabel. Gegen Ende der Fünfziger- und in den späten Sechzigerjahren war daher der Rollkragenpullover schon fast so etwas wie eine Uniform für die Hipster- oder Gegenkultur.

Key members of the beat movement gather around a table at a restaurant in New York, late 1950s.
Wichtige Mitglieder der Beat-Bewegung versammeln sich am Tisch in einem New Yorker Restaurant, späte 1950er-Jahre. Von links nach rechts: Maler und Musiker Larry Rivers, Autor Jack Kerouac, Dichter Gregory Corso (mit dem Hinterkopf zur Kamera), Musiker David Amram und Dichter Allen Ginsburg.

Und es waren nicht nur Männer. Audrey Hepburns Ensemble aus schwarzer Caprihose und Rollkragenpulli, das sie 1957 im Film Funny Face (Ein süßer Fratz) trug, schaffte sicherlich leichter ein hipperes Image als ihre zugeknöpfte Rolle in dem Film Sabrina, der ein paar Jahre früher ausgestrahlt wurde. „Es gab Frauen in den Fünziger- und Sechzigerjahren, die immer noch nicht daran gedacht haben, Hosen zu tragen.“ Selbst das Tragen von schwarzer Kleidung wurde als skandalös angesehen, da Schwarz die Trauerfarbe war“, sagte die in London ansässige Kostümbildnerin Lisa Duncan.

Brigitte Bardot on the beach at North Berwick in September 1966
Brigitte Bardot am Strand in North Berwick im September 1966 mit ihrem Co-Star Laurent Terzieff während der Dreharbeiten zu "Zwei Wochen im September"

Damals hielten Trends nicht nur Monate, sondern Jahre an. Als Steve McQueen also 1968 als Rollkragenpullover tragender Schlägertyp im Action-Thriller Bullitt erschien, war er immer noch au courant so wie Michael Caine, der im darauffolgenden Jahr in The Italian Job (Der italienische Auftrag) denselben Stil trug.

... Bridget Bardot aus „And God Created Woman“ (Und immer lockt das Weib) wurde das perfekte weibliche Aushängeschild für Pullover mit einer Vorliebe für Rundhalsausschnitt und Strickjacken. Dafür, dass sie Bikinis so sehr liebte, half sie erfolgreich dabei, dem Twinset ein cooles Image zu verleihen. Bardot war außerdem Fan eines anderen bedeutenden Stricktrends der Zeit: der des Boyfriend-Pullovers.

Marilyn Monroes magischer roter Pullover, der weit genug geschnitten, um kurz über ihr Knie zu reichen, war es, der sie von Norma Jeane in einen Star verwandelte. Jeanne Moreau, die 1962 in dem Film Jules und Jim mit ihren beiden Liebhabern über eine Brücke lief – ein Bild aus Raymond Cauchetier’s New Wave, einem Fotoband, der später in diesem Jahr veröffentlicht wird und die Arbeit des französischen Kino-Fotografen präsentiert - ist nur ein weiteres Beispiel dafür, wie übergroße Pullover ihre glorreiche Zeit hatten.

‘„Formen waren definitiv sackartiger“, unterstreicht Duncan. „Pullover gab es nicht in hautengen Schnitten und man sollte nicht vergessen, dass sie, selbst wenn sie damals in Hollywood-Filmen auftauchten, wahrscheinlich sorgfältig in Form gezogen und abgesteckt wurden!“ Es ist interessant zu sehen, dass einige der stärksten Strickmodelle von damals heute immer noch auftauchen.

Elisa Anniss schreibt über Mode und Lifestyle für The Financial Times’ How to Spend It

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