Setzen Sie auf die richtige Karte

Erfahren Sie mehr über die faszinierende Geschichte des Tarots.

David Beckham, Katherine Waterston and the Tarot reader in Outlaws

Zu den ungewöhnlichsten Sehenswürdigkeiten des Baskenlandes gehört mit Sicherheit das Fournier-Spielkartenmuseum im wunderschönen Vitoria-Gasteiz. Das Museum ist in einem beeindruckenden Renaissance-Gebäude mit zahlreichen Balkonen untergebracht und stellt die Geschichte von Spielkarten aus aller Welt zur Schau, die seit 1868 in der baskischen Hauptstadt hergestellt werden. Im Hinterhof erstrecken sich Ausstellungsräume über mehrere Etagen und sind jeweils unterschiedlichen Themen gewidmet, darunter das Tarotspiel. Doch Besucher, die auf eine Erkenntnis der Ursprünge des Orakel-Kartenspiels gehofft haben, werden enttäuscht sein. Wie der Museumsführer erklärt: „Nobody knows anything about the Tarot for certain. All is speculation.“ [„Niemand weiß etwas Genaues über das Tarotspiel. Man kann nur spekulieren.“]

Und eben darin liegt auch die Faszination der großen, bebilderten Spielkarten. Über den Ursprung des Tarots wurde viel spekuliert, weshalb er über die Jahre im Alten Ägypten, in Persien, Indien und im römischen Mithras-Kult gesehen wurde. Jedoch sehen manche Forscher auch eine Verbindung mit fahrenden Wahrsagern, die das Tarot in Europa populär gemacht haben sollen (wobei sie wohl Kristallkugeln und übliche Spielkarten bevorzugten). Eines ist jedoch sicher: Mit übersinnlichen Kräften hatte das Tarot wenig zu tun. Ihren Platz im Museum haben sich die Tarotkarten verdient, weil sie als Spielkarten genutzt wurden.

Tarot wird erstmals im 14. Jahrhundert erwähnt. Die Bezeichnung rührt allem Anschein nach vom italienischen Wort für Karten her, tarocchi, ein landläufig gebrauchtes Wort aus dem Tarotal. Die Karten wurden für Spiele verwendet, die wahrscheinlich bei italienischen Adeligen beliebt waren. Die Spielregeln sind jedoch längst verschollen.

Tarot Cards


Beim Gedanken an Tarotkarten fallen einem zuallererst die üppig gestalteten Trümpfe ein (das Wort stammt wohl von „Triumph“), doch diese sind nur ein Teil des Satzes, der 78 Karten umfasst. Die 22 Trumpfkarten eines üblichen Tarot-Satzes sind auch als die großen Arkana bekannt und wurden erstmals in Marseille im 15. Jahrhundert erwähnt. Daneben gibt es noch die kleinen Arkana, 56 Spielkarten in vier Farben (Stäbe, Kelche, Münzen und Schwerter), darunter Zahlen- und Hofkarten, meist zusätzlich auch Bube, Ritter, König und Königin.

Weiterhin gibt es je nach Region unterschiedliche Varianten dieses Kartenspiels. Beispielsweise ist das mexikanische Spiel Lotería eindeutig mit dem Tarot verwandt: Es umfasst 54 Farbkarten mit klassischer Bebilderung (das Herz, die Meerjungfrau, der Hahn, der Dandy) und wurde wohl im 18. Jahrhundert aus Italien oder Spanien eingeführt. Das Lotería-Spiel erfüllt dabei zahlreiche Zwecke: Es kann als eine Art Bingo oder Rätsel gespielt werden, aber auch die Zukunft vorhersagen.

Eines ist jedoch sicher: Selbst als schlichtes Kartenspiel wurden dem Tarot seit jeher magische, unziemliche Kräfte zugeschrieben. Dies ist beispielsweise in der Predigt eines Franziskanermönchs aus dem Italien des 15. Jahrhundert überliefert, der Tarot als Teufelswerk verurteilte. Dabei zählt er alle Karten der großen Arkana einzeln auf, wofür ihm Wissenschaftler heute sehr dankbar sind: alle typischen Abbildungen finden sich hier wieder, darunter die Liebenden, der Gehängte, der Narr und der Teufel. Einige wunderschöne, handbemalte Karten aus dieser Zeit – aus dem sogenannten Visconti-Tarot – können im Fournier-Spielkartenmuseum bewundert werden.

Doch erst ab dem 18. Jahrhundert wurden die Karten genutzt, um die Zukunft vorherzusagen. Die großen Arkana geben dabei einen groben Überblick über zukünftige Ereignisse, während die kleinen Arkana diese im Detail auslegen. Diese Wandlung wird zwei Franzosen zugeschrieben: Antoine Court de Gébellin, der ägyptischen Zauber als Ursprung für das Tarot sah, und der Kartenleger und Zaubergelehrte Jean-Baptiste Alliette, der den ersten Kartensatz speziell zur Wahrsagerei entwarf. Damit legten sie den Grundstein für fast jede ungewöhnliche Sekte, die sich aufs Tarot beruft, angefangen mit der Kabbalah bis hin zu den Rosenkreuzern. Dabei hat jede Gruppe ihren eigenen Kartensatz und beschreibt jeweils im Detail dessen mystische Herkunft.

The Outlaws Tarot cards


Diese Faszination aber schlicht mit dem im späten 19. Jahrhundert geläufigen Glauben an Feen und Verschwörungstheorien, wie die Illuminati, zu vergleichen, trifft es aber nicht ganz. Trotzdem ist bekannt, dass auch heute noch im allgemeinen Kulturbereich gerne auf die mystischen Kräfte des Tarot Bezug genommen wird. Sei es in der Literatur (Tarotlesungen kommen in Romanen der Gegenwart, wie Schokolade, Der Nachtzirkus und Die achte Karte) ebenso vor wie in Kino- und Fernsehfilmen, wie beispielsweise Die rote Violine, Die Braut des Teufels, Akte X, Mad Men oder im neuen Kurzfilm The Outlaws von Belstaff, nach dem Drehbuch von Geremy Jasper, in welchem die beeindruckende Symbolik des Lotería-Kartenspiels Erwähnung findet.

The Outlaws lässt das Unbehagen aufleben, das wir selbst heutzutage noch beim Tarot und anderen Mitteln empfinden, die die Zukunft vorhersagen sollen. Nüchtern betrachtet wissen wir zwar, dass das Tarot ehemals schlicht ein Kartenspiel für italienische Adelige war und ihm erst später scheinbar mystische, teuflische Mächte zugeschrieben wurden. Doch Tarotkarten strahlen weiterhin eine mehrdeutige, faszinierende Aura aus. Wie der Museumsführer erklärt: „If we knew everything about the Tarot, it wouldn't be a mystery any more, would it? And life without mysteries would be very dull indeed.“ [„Wenn wir alles über das Tarot wüssten, würde es seine Anziehungskraft doch verlieren. Und ein Leben ohne Rätsel wäre doch nun wirklich sehr öde.“]


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