Motorradfahren mit Stil: „On any Sunday“ als modische Inspiration

Tom Neale verrät, inwieweit die Motorrad-Dokumentation aus dem Jahr 1971 die Auffassung über die Sportart verändert und einer Generation als modische Inspiration gedient hat

On Any Sunday Daytona Jacke
Daytona Jacke

Mitte der 60er-Jahre hatte das Surfen ein Imageproblem und wurde als Sportart nicht richtig ernst genommen. Dies war teilweise den Beach Boys zu verdanken, die mit Ausnahme von Dennis Wilson keine Surfer waren und eher schnelle Autos und das sorglose Leben besangen, anstatt sich mit den wahren Reizen des Surfens auseinanderzusetzen.

Ein Dokumentarfilm hat all dies geändert. Der Film The Endless Summer (1966) von Surfer Bruce Brown handelt von zwei kalifornischen Surfern, die sich auf ihrer Suche nach der perfekten Welle auf den Weg in die weite Welt machen und dabei demonstrieren, was es braucht, um sich mit der ungestümen Kraft des Meeres zu messen: Kameradschaftsgeist, Geschick, Anmut und Eleganz. Das Time Magazin schrieb: „Brown zeigt, dass sich einige der unerschrockenen Wellenreiter, die zu Unrecht als Träumer oder Taugenichts verschrien sind, immer wieder schwierigen, gefährlichen und aufregenden Herausforderungen stellen.“ Dank dieses neu gewonnenen Respekts erfreute sich das Surfen sehr schnell weltweiter Beliebtheit.

Am Ende des Jahrzehnts suchte Brown nach einem neuen Thema, dem er sich fortan widmen konnte: dem Motorradfahren – einer Sportart, die ebenfalls mit einem Imageproblem zu kämpfen hatte. Schließlich galten Biker als asoziale Rocker, Halbstarke, Angehörige der Hells Angels oder (dank Easy Rider) als ausgestiegene Hippies auf der Suche nach dem amerikanischen Mythos. Brown, der sich eine Triumph Cub-Maschine zugelegt hatte, war selbst ein Biker, der es besser wusste. „Ich erinnere mich noch, dass ich mir im Ascot Park die Rennen auf der Dirt-Track-Strecke anschaute“, erzählte Brown. „Ich habe ein paar Rennfahrer kennengelernt und war überrascht, wie offen, aufgeschlossen und nett eigentlich diese Typen waren. Sie hatten überhaupt nichts mit dem Bild gemeinsam, das die meisten von Motorradfahrern hatten.“

Um diesen Film der weiten Welt vorstellen zu können, benötige er einen Geldgeber. Hier kam der Motorradhändler, Mechaniker und Rennfahrer Malcolm Smith ins Spiel. Sowohl Brown als auch Steve McQueen waren Kunden von Smith. „Steve war ein Biker durch und durch, nicht nur ein Wichtigtuer“, so Smith. Er machte die beiden Männer miteinander bekannt. Brown erzählt die Geschichte wie folgt: „Steve und ich sprachen über die Konzeption des Films, die ihm wirklich gefiel. Dann frage er mich, was seine Rolle in dem Film sein solle. Ich erwiderte, dass er als Geldgeber fungieren solle. Er lachte und erklärte, dass er in Filmen mitwirkte, sie aber nicht finanziell unterstützte. Ich stellte scherzhaft fest: „OK, dann drücke ich mich anders aus: Du kannst nicht im Film mitspielen.“ Am nächsten Tag erhielt ich einen Anruf. Es war McQueen. Er forderte mich auf, den Stein ins Rollen zu bringen und mit den Dreharbeiten zu beginnen – er würde das Ganze finanziell unterstützen.“ Und selbstverständlich gelang es ihm letztlich doch noch, eine Rolle in dem Film On Any Sunday zu ergattern, der 1971 in die Kinos kam.

Und obwohl McQueen das wohl berühmteste Mitglied dieser Hobbyformation auf zwei Rädern war, haben auch andere Rennfahrer wie der schmächtige Dirt-Track-Draufgänger Mert Lawwill und der ständig lachende, hochtalentierte Malcolm Smith das Zeug bewiesen, sich dauerhaft in der Motorradszene zu behaupten.

„Ich bin der Überzeugung, dass viele Menschen ihre Meinung über Motorradfahrer geändert haben, nachdem sie den Film gesehen haben“, so Brown. Und Malcolm Smith bemerkte erst kürzlich: „On Any Sunday hat große Wirkung gezeigt. Selbst heute noch berichten mir Menschen davon, dass der Film sie dazu bewegt hat, auf ein Motorrad zu steigen.“ Am Ende des Films unternehmen Smith, Lawwill und McQueen eine Spritztour in die Natur und vermitteln den Zuschauern die Werte, auf die es beim Motorradfahren ankommt: Freiheit, Spaß und Freundschaft.

Dabei hat es dem Film garantiert keinen Abbruch getan, dass sowohl die Motorräder, darunter Husqvarnas, BSAs, Bultacos und Triumphs, als auch die Bekleidung auch heute noch voll im Trend liegen. Zu dieser Zeit standen individuelle Lederfärbungen sowie plakative und oftmals kontrastierende Farbgebungen hoch im Kurs. In dieser Saison greift Belstaff diesen Look auf und setzt ihn für seine Herrenkollektion Frühjahr/Sommer 2017 neu in Szene. Wir sind uns ziemlich sicher, dass Steve McQueen bestimmt nichts dagegen gehabt hätte. Schließlich war er ein großer Fan der Marke – Gerüchten zufolge soll er nachts nichts lieber getan haben, als seine klassische Belstaff Trialmaster neu zu wachsen. Wie der Film zeigt, steht er dem Look der 1971er-Jahre mit seinem leuchtend gelben Top mit dem weißen Streifen am Ärmel und der schwarzen Lederhose mit gelbem Streifen in nichts nach. Ob Biker oder nicht – wer sich die neue Kollektion zugelegt hat, könnte sich eines Tages dabei erwischen, wie er nach dem geeigneten Gefährt zu seiner coolen Jacke sucht. Auch 45 Jahre später noch verfehlt On Any Sunday immer noch nicht seine Wirkung.

Tom Neale ist Autor von Steel Rain und Copper Kiss

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