Ihrer Zeit weit voraus: Die Van-Buren-Schwestern

Rob Ryan über zwei Frauen, die 1916 auf ihren Motorrädern quer durch Amerika fuhren, um zu beweisen, dass sie es auch im Hinblick auf einen eventuellen Kriegseinsatz durchaus mit der Männerwelt aufnehmen konnten

On Any Sunday Daytona Jacket
Die Van Burens die Belstaff Damenkollektion für Frühjahr/Sommer 2017 mitinspiriert haben.

In unserer modernen Zeit kann man sich kaum noch vorstellen, wie schwierig es gewesen sein muss, Nordamerika zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit einem motorisierten Fahrzeug von Küste zu Küste zu durchqueren. Schließlich gab es nur ganz vereinzelt eine Tankstelle (meist wurde das Benzin von Eisenwarenhandlungen oder Autohändlern verkauft) und auch gute Straßen waren Mangelware. Zwar wurde der transkontinentale Lincoln Highway schon 1913 eingeweiht, doch Reisende stellten bald zu ihrem Entsetzen fest, dass ein großer Name nicht unbedingt eine Garantie für gut befestigte Straßen war (das geschah erst 1935). An einigen Stellen glich der neue Highway eher einem mit Schlaglöchern übersäten Feldweg. Damals gab es nur auf einem Sechstel aller US-amerikanischen Straßen einen richtigen Belag. Die meisten waren noch immer die ausgefahrenen Wege, über die einst die Pioniere mit ihren Pferde- oder Ochsenwagen gen Westen gerattert waren. Passend dazu berichtete der Springfield Daily Republican im Juli 1916, dass Banditen kurz vor Yosemite eine Kutsche überfallen hatten. Der Wilde Westen war damals also noch immer recht lebendig.

Genau diesem feindseligen Umfeld wollten sich Augusta Van Buren und ihre jüngere Schwester Adeline stellen, um als erste Frauen auf Solomotorrädern mit der Durchquerung dieses riesigen und oftmals unwirtlichen Landes auf sich aufmerksam zu machen. Die Van Buren Ladys waren aufgeweckt, intelligent und einfallsreich. Sie stammten wie viele frühe Motorradpioniere aus der gehobenen Gesellschaft, und zwar aus einer sportbegeisterten und ambitionierten Familie (Nachkommen des 8. Präsidenten der Vereinigten Staaten Martin Van Buren). Die üblichen Ansichten, wie sich „nette“ Mädchen zu benehmen hatten, galten dort wenig. 1916, im Alter von 24 bzw. 22 Jahren, waren sie bereits gestandene Motorradfahrerinnen.

Ein paar Jahre zuvor, 1908, waren Frauen auf Motorrädern noch so selten, dass die Zeitschrift Motor Cycle Illustrated titelte: „Detroit hat Motorradfahrerin“. Das änderte sich jedoch schnell, als Frauen wie Clara Wagner, Effie und Avis Hotchkiss (die 1915 die USA auf einer Harley mit Beiwagen durchquerten) oder die verwegene Speedway-Fahrerin Margaret Gast ihrem Geschlecht auf zwei motorisierten Rädern alle Ehre machten – auch wenn Clara Wagner nach ihrem Sieg bei einem Langstreckenrennen 1910 disqualifiziert wurde, eben weil sie eine Frau war.

Die Van-Buren-Schwestern starteten ihre epische Reise auf ihren heißgeliebten Motorrädern Typ Indian Power Plus an der Rennbahn von Sheepshead Bay in Brooklyn, und zwar am 4. Juli 1916, nur wenige Tage nach dem Beginn der Schlacht an der Somme in Europa. Und das war kein Zufall. Denn die Schwestern wollten unter anderem auf die Rolle aufmerksam machen, die Frauen spielen könnten, falls die USA in den Krieg eintraten – als Botenfahrerinnen für den Militärdienst, damit die Männer andere Pflichten übernehmen konnten. Daneben betrachteten sie ihren Trip als Beitrag zum Kampf für das Wahlrecht der Frau (Augustas Parole lautete: „Die Frau kann, wenn sie will“).

Augusta (genannt Gussie) und ihre jüngere Schwester Adeline (Addie) trafen umfassende Vorbereitungen und trainierten unter anderem ihre Fahrkünste, ihre Kraft und ihr Selbstvertrauen auf kürzeren Ausfahrten – allein 1915 legten sie dabei fast 15.000 Kilometer zurück. Sie übten, wie man die Antriebskette reparierte, was sehr häufig erforderlich war, oder wie man Reifen flickte, was sie erstaunlicherweise nie tun mussten.

Auch ihre Kleidung wählten sie mit Bedacht. So trugen sie Kniehosen aus braunem Leder, knielange Ledermäntel, hohe Stiefel, dicke Handschuhe, Lederhelme und Schutzbrillen. Adeline meinte: „Die Outfits sehen gut aus, sind wasserfest und halten sehr großen Strapazen stand.“

Auf die Probe gestellt wurde die Kleidung auf jeden Fall – es gab Gewitterstürme, Sandstürme, jede Menge Schlamm, Rutschpartien und Unfälle, die von den Schwestern stoisch als 'spills' [„kleinere Stürze“] abgetan wurden. Man erzählt sich, dass die Kleidung auch für einige Verzögerungen verantwortlich war. Angeblich sollten die beiden in mehreren kleinen Städten eingesperrt werden, weil sie „Männerklamotten“ trugen. Allerdings stammt diese Geschichte nicht von den Schwestern selbst, sondern von Verwandten.

Ursprünglich hatten die beiden die gut 6.000 Kilometer lange Fahrt so geplant, dass sie am 9. August in San Francisco eintreffen sollten. Doch mit diversen Umwegen (darunter ein Abstecher auf den 4.300 Meter hohen Pikes Peak in Colorado als bisher erste Frauen, die diese heimtückische Bergstraße bewältigt hatten) kamen sie mit großem Trara am 2. September in San Francisco an – nach insgesamt 8.850 Kilometern.

Zwischen den Van Burens und Belstaff besteht eine interessante Verbindung. Denn die Schwestern verkörpern den Geist der Marke natürlich perfekt – sie waren überaus unabhängig, sehr fähig, abenteuerlustig und zukunftsweisend. Und sie wussten, wie wichtig es ist, die richtige Kleidung für die jeweils bevorstehende Aufgabe zu wählen. Deshalb ist es kein Zufall, dass die Van Burens die Belstaff Damenkollektion für Frühjahr/Sommer 2017 mitinspiriert haben. Doch da ist noch mehr. Nach ihrer epischen Fahrt nahm Adeline ihre Arbeit als Lehrerin wieder auf und studierte Jura. Augusta hingegen wandte sich der Fliegerei zu. 1924 machte sie ihren Pilotenschein und schloss sich den 99ern von Amelia Earhart an, einer internationalen Fliegergruppe für Frauen, die 1929 gegründet wurde und ihre inspirierende Arbeit bis heute fortgesetzt hat. Wie man weiß, liebte Amelia Earhart ihre Belstaff Jacken.

Rob Ryan schreibt für die Times und die Sunday Times.

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